Wenn es um Leben und Tod geht, zählt jede Minute. Doch hinter dem Einsatz eines Rettungswagens steckt weit mehr als Blaulicht und medizinische Versorgung: Es braucht Fahrzeuge und Technik, qualifizierte Fachkräfte, verlässliche Strukturen – und vor allem funktionierende Zusammenarbeit. In Bielefeld gibt es dafür ein bundesweit einzigartiges Modell. Arbeiter-Samariter-Bund (ASB), Deutsches Rotes Kreuz (DRK) und Johanniter-Unfall-Hilfe (JUH) bündeln ihre Kräfte in der ASB DRK JUH Rettungsdienst Bielefeld gGmbH. Als Leistungserbringer übernimmt sie im Auftrag der Stadt Aufgaben im Rettungsdienst – einem Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge und Gesundheitsdienstleistung in einem Hochrisikobereich.
Die gGmbH ist also nicht „der“ Rettungsdienst der Stadt, sondern ein zentraler Baustein innerhalb dieses Systems. Während Hilfsorganisationen andernorts ihre Kräfte häufig nebeneinander einsetzen, gründeten 1991 ASB, DRK und JUH in Bielefeld eine Arbeitsgemeinschaft, aus der Anfang der Nullerjahre die gGmbH wurde. Die drei Organisationen bearbeiten das komplexe Geschäftsfeld Rettungsdienst in einer gemeinsamen Gesellschaft. „Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind direkt bei der gGmbH angestellt. Wir haben ganz bewusst eine eigene Firma daraus gemacht“, erklärt Geschäftsführer Heinrich Hofmann. Die Gesellschaft bündelt Know-how und Ressourcen und spricht gegenüber Stadt und Feuerwehramt mit einer Stimme. „Der wirtschaftliche Aufwand wäre sonst dreimal so groß, wenn jede Organisation eigene Strukturen vorhalten müsste.“ Vorstände und Geschäftsführungen haben im Laufe der Jahre gewechselt, die Kooperation ist geblieben. „Die Verantwortlichen stehen nach wie vor zu ihrer Rettungsdienst GmbH und sehen das als ein sehr gelungenes Produkt gegenseitigen Vertrauens“, freut sich Heinrich Hofmann.
Einsatz bei Großveranstaltungen
Rund 230 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gehören inzwischen zum Team, verteilt auf etwa 140 Planstellen. Hinzu kommen nebenamtlich Beschäftigte, die teilweise hauptberuflich anderen Berufen nachgehen oder studieren. Das flexible Modell ist vor allem bei Großveranstaltungen und größeren Schadenslagen wertvoll. Für Veranstalter entwickelt die Rettungsdienstgesellschaft auf Grundlage einer Gefährdungsanalyse passende Konzepte. Besucherzahl, Wetter, Gelände und bauliche Gegebenheiten spielen dabei eine Rolle. „Es ist ein Unterschied, ob man 13.000 Menschen in einer baulichen Anlage hat oder irgendwo auf der grünen Wiese“, erklärt Hofmann. Großveranstaltungen bedeuten zugleich eine zusätzliche Belastung für den öffentlichen Rettungsdienst: Wenn Zehntausende Menschen mehr in der Stadt sind, steigt auch die Zahl möglicher Einsätze und Transporte.
Anspruchsvoll wird es bei einem Großschadensfall. Hofmann spricht bewusst nicht von einer Katastrophe. „Bei einer Katastrophe wären die Strukturen überfordert.“ Eine solche Überforderung hat er in seiner Bielefelder Zeit noch nicht erlebt. Selbst während der Pandemie und beim extremen Wintereinbruch 2021, als auch der ÖPNV für Tage zum Erliegen kam, konnte die Rettungsdienstgesellschaft ihre Aufgaben aufrechterhalten. Während der Pandemie übernahm sie gemeinsam mit ihren Gesellschaftern und dem Feuerwehramt zusätzliche Aufgaben, unter anderem beim Betrieb der Impfzentren. Gerade in solchen Situationen zeigt sich, was eine über Jahrzehnte gewachsene Kooperation wert ist: Wer sich kennt und vertraut, kann schnell und verbindlich handeln. Die gemeinsame Struktur ist damit nicht nur wirtschaftlich effizient, sondern auch ein Vorteil für die Versorgungssicherheit der Stadt.
Nachwuchs mit Perspektive
Eine der größten Herausforderungen der kommenden Jahre ist der Fachkräftemangel. „Die Fachkräftesituation in Bielefeld und in OWL ist auch im Rettungsdienst angespannt“, sagt Hofmann. Im bundesweiten Vergleich sieht er die Region allerdings noch im gelben Bereich, die eigene Gesellschaft sogar am Übergang zu Grün. Ein wichtiger Grund dafür ist ein konsequentes Konzept zur Nachwuchsgewinnung.
Die Rettungsdienstgesellschaft spricht junge Menschen bereits in weiterführenden Schulen, auf Ausbildungsmessen und über Social Media an. Besonders erfolgreich ist der 15-monatige Freiwilligendienst. Die Teilnehmenden werden innerhalb von 14 Wochen zu Rettungssanitäterinnen und Rettungssanitätern ausgebildet und erleben anschließend den Arbeitsalltag hautnah. „Rund 80 bis 85 Prozent bleiben danach bei uns. Der Freiwilligendienst ist deshalb unser wichtigstes Instrument zur Personalgewinnung.“
Das Konzept wirkt über die eigene Gesellschaft hinaus. Jährlich werden etwa 35 neue Kräfte benötigt; viele ehemalige Freiwillige wechseln später zur Berufsfeuerwehr, in die umliegenden Kreise oder in andere Gesundheits- oder Sozialberufe. Für Hofmann hat das eine gesellschaftliche Dimension: „Wir haben als Wohlfahrtsverbände, als Gesundheitsdienstleister, als soziales Unternehmen eine gesellschaftspolitische Aufgabe, denn die Fachkräfte werden weniger, die Zahl der zu Versorgenden hingegen steigt.“
Gemeinsam lernen, voneinander profitieren
Zur Fachkräftesicherung gehört auch die dreijährige Ausbildung zur Notfallsanitäterin und zum Notfallsanitäter. Hierbei arbeitet die Rettungsdienstgesellschaft mit dem Studieninstitut Westfalen-Lippe zusammen. Dort hat sich der Fachbereich Medizin und Rettungswesen in den vergangenen Jahren stark entwickelt. Viele Menschen, die heute dort arbeiten, haben selbst ihre berufliche Laufbahn im Bielefelder Rettungsdienst begonnen.
Gleichzeitig verändert sich das Berufsbild. Die Ausbildung bereitet auf den medizinischen Worst Case vor: Reanimationen, schwerste Verletzungen und lebensbedrohliche Erkrankungen. Der Alltag besteht jedoch zunehmend aus Fällen, die medizinisch weniger dramatisch erscheinen, aber auf ein strukturelles Problem hinweisen. Menschen wissen nicht, wohin sie sich mit gesundheitlichen Beschwerden wenden sollen, der ärztliche Bereitschaftsdienst ist nicht erreichbar oder ältere und eingeschränkte Menschen können ihre Wohnung nicht mehr selbst verlassen. Für die Einsatzkräfte bedeutet das: Medizinische Kompetenz allein reicht nicht. Sie müssen Situationen einschätzen, Erwartungen auffangen und empathisch reagieren können.
Hofmann sieht darin auch ein Problem des Gesundheitssystems. Der hoch spezialisierte Rettungsdienst könne nicht dauerhaft Lücken in der ambulanten Versorgung auffangen. Deshalb müsse über neue, niedrigschwellige Angebote zwischen hausärztlicher Versorgung und Rettungsdienst nachgedacht werden. Auch der Einsatz sogenannter Gemeindenotfallsanitäter wird in Bielefeld interdisziplinär diskutiert.
Vernetzt mit Medizin und Forschung
Die Rettungsdienstgesellschaft ist Gründungsmitglied von MED OWL und nutzt das Netzwerk für den Austausch mit Kliniken, Ärzten, Forschung und Ausbildung. Über MED OWL unterstützt sie Medizinstudierende mit Stipendien. Fast 15 eigene Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter studieren inzwischen Medizin. Veranstaltungen geben Studierenden Einblicke in die Notfallmedizin außerhalb der Klinik. Von der Medizinischen Fakultät OWL verspricht sich Hofmann neue Impulse – insbesondere für Forschung und Ausbildung. Dass Studierende früh mit Medizin außerhalb des Krankenhauses in Kontakt kommen, passt zu einer zentralen Herausforderung: der stärkeren Verzahnung von ambulanter und stationärer Versorgung.
Parallel hält die Digitalisierung Einzug in die Einsatzfahrzeuge. Die Einsatzdokumentation erfolgt inzwischen elektronisch über Tablets, Telemedizin ermöglicht bei Bedarf ärztliche Expertise direkt am Einsatzort. Moderne Medizintechnik wie Ultraschall oder Videolaryngoskope erweitert die Möglichkeiten der Einsatzkräfte und erhöht die Sicherheit bei anspruchsvollen Eingriffen.
Die Bielefelder Rettungsdienstgesellschaft ist weit mehr als eine Organisation, die Rettungswagen besetzt. Sie verbindet Hilfsorganisationen, Stadt und Feuerwehr, Ausbildung und Praxis, Medizin und Technik. Sie ist Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge und zugleich ein engagierter Akteur der regionalen Gesundheitswirtschaft.
Ein Beitrag der gemeinsamen Initiative „Bielefeld gestaltet Gesundheit“ von ZIG und WEGE.

