Werkstattgespräch: Geistig behindert im Krankenhaus – Risiko einer Fehlversorgung

Bielefeld. In Krankenhäusern, speziell in den Notaufnahmen, wird oft unter großem Zeitdruck gearbeitet. Wenn ein Mensch mit geistigen Behinderungen eingeliefert wird, kann er die Abläufe schon einmal kräftig durcheinander wirbeln.
Und wenn er sich nicht äußern kann oder diagnostische oder therapeutische Maßnahmen verweigert, können »Fehlversorgungen« die Folge sein, sagt Kathrin Bücker.

Diskutierten über die Akutversorgung von Menschen mit geistiger Behinderung: von links Dr. Georg Becker, Kathrin Bücker, Uwe Borchers, Dr. Jörg Stockmann, Angelika Gemkow und Sozialdezernent Ingo Nürnberger.  Foto: Schulze

Sie ist Geschäftsführerin des Vereins »Gemeinsam Wohnen« und war eine der Teilnehmerinnen bei einem Werkstattgespräch, zu dem Sozialdezernent Ingo Nürn-berger eingeladen hatte. Das Thema: Menschen mit geistigen Beeinträchtigungen im Krankenhaus.

»Ein bis drei Prozent der Bevölkerung haben eine geistige Behinderung«, sagt Dr. Jörg Stockmann vom Zentrum für Behindertenmedizin im Evangelischen Klinikum Bethel, genauer: im Krankenhaus Mara. Diese Menschen sind überproportional häufig im Krankenhaus, weil sie oft noch andere Erkrankungen haben, häufig unsicher gehen und sich deshalb eher etwas brechen.

„Wir haben jedes Jahr im Mara 1000 stationäre Fälle“, sagt Stockmann. Dort haben Ärzte und Pflegepersonal hinreichend Zeit und Ruhe für ihre besonderen Patienten und die „Einstellung“ zu ihnen. In anderen Krankenhäusern sieht es oft anders aus. „Menschen mit geistigen Beeinträchtigungen können eine Notfallaufnahme oder auch eine Station an ihre Grenzen bringen“, weiß Stockmann. Das ist nicht Renitenz, sondern oft die Unfähigkeit sich auszudrücken oder Sprachlosigkeit. Ein erhobener Arm kann etwa ja, nein, gut, schlecht oder Schmerz bedeuten. Mancher hat seine eigene Sprache, die sich Fremden kaum erschließt. Ebenso ist möglich, dass ein geistig beeinträchtigter Mensch mit einem gebrochenen Arm ins Krankenhaus kommt, aber nicht sagt, dass sie Epilepsie oder noch andere Probleme haben, erklärt Bücker. Denn schließlich schmerzt jetzt ja nur der Arm…
Wichtig wären also Informationen über die Patienten. Wenn Betreuer, Assistenten oder Angehörige mit ins Krankenhaus kommen, kann das schon entscheidend und hilfreich sein – bis der geistig beeinträchtigte Patient womöglich geröntgt werden muss. »Viele haben dann Angst. Das beginnt schon beim Blutabnehmen«, sagt Dr. Georg Kremer, Geschäftsführer von Bethel regional. Zuweilen muss leicht sediert werden, um eine Diagnostik möglich zu machen. Denn ganz praktisch ist es kaum möglich, dass ein vertrauter Betreuer bei dem kranken behinderten Menschen bleibt. »Manchmal bleibt nur das Rooming der oft schon in die Jahre gekommenen Eltern«, konstatierte Kremer.

Ziel des Werkstattgespräches war, über Lösungen nachzudenken. Einigkeit bestand darüber, die Digitalisierung schrittweise voranzutreiben, um die Kommunikation und Information zwischen Krankenhäusern und Einrichtungen zu verbessern. Alle benötigen »ein« Instrument – wie den Pflegeüberleitungsbrief, der in Bielefeld schon etabliert ist. »Eine Aufnahme im Krankenhaus sollte außerdem so erfolgen, dass immer ein Ansprechpartner da ist«, meint Angelika Gemkow, ehemalige Beauftragte der Landesregierung für die Belange der Menschen mit Behinderung. Diskutiert wurde über einen »Kümmerer«, bei dem die Fäden des Überleitungsprozesses zusammenlaufen. Wichtig sei aber auch, Alltagsroutinen der Kranken zu kennen: »Vielleicht hilft dem einen eine bestimmte Musik und dem anderen ein Kuscheltier«, meinte Gemkow.

Uwe Borchers regt eine Bielefelder Notfallkarte an. Foto: Schulze

Bücker hat die Erfahrung gemacht, dass hilfreiche Kurz-Infos, die ihr Team den Patienten für das Krankenhaus mitgibt, kaum zur Kenntnis genommen werden und spätestens beim Verlegen auf eine Station verloren gehen.

Letztlich geht es darum, mit allen Handelnden im Gesundheitssystem und auch mit Kranken- und Pflegekassen eine Bestandsaufnahme zu erheben, Abläufe und Standards auf den Weg zu bringen. »Wir haben nicht nur ein gegliedertes, sondern auch ein zergliedertes Sozialsystem«, sagte Nürn-berger. »Wenn die Gesundheitskarte noch nicht kommt, können wir über eine eigene, Bielefelder Notfallkarte nachdenken«, regte Uwe Borchers, Zentrum für Innovation in der Gesundheitswirtschaft OWL, an. Das könnte auch das Entlassmanagement erleichtern.

Quelle: 2018-07-13 Westfalen-Blatt
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