OWL Forum: Die Digitalisierung wird das Gesundheitswesen radikal verändern!

17. Forum Gesundheitswirtschaft: Chancen und Risiken der Digitalisierung im Gesundheitswesen

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Uwe Borchers (v.l.), Jared Sebhatu, Dr. jur. Rainer Hess

Bielefeld. Der Kontakt zu Freunden über soziale Medien, der Bestellservice für die Pizza und jetzt auch die Kontrolle von Blutdruck und Herzfrequenz: Die digitale Vernetzung hat den Gesundheitssektor nicht nur erreicht, sie überrollt ihn geradezu. Doch Handy aufs Herz: Profitiert der gesundheitsbewusste Nutzer des Fitness-Armbands, des Aktivitäts-Trackers oder der App vom Arzt wirklich von den Anwendungen? Verbessert der Roboter am Kranken- oder Pflegebett die Versorgung? Oder birgt die Datensammelwut der Anbieter womöglich unbekannte Risiken? Die Lage ist unübersichtlich. Das Zentrum für Innovation in der Gesundheitswirtschaft OWL (ZIG) hatte sein 17. Forum Gesundheitswirtschaft als Projektwerkstatt organisiert. Deren Ziel: Ein Überblick über den Stand der Anwendungen in und Angebote aus der Region und Orientierung zwischen den Polen Nutzen und Risiken für Verbraucher und Patienten.

Zehn Workshops hat das ZIG organisiert, in denen einzelne Aspekte der Digitalisierung im Gesundheitswesen bearbeitet werden.

Da ist zum Beispiel das Online-Programm „Radius“. Das Evangelische Krankenhaus Bielefeld (EvKB) wendet es in einem Pilotprojekt seit 2015 an, um Suchterkrankten in der Nachbehandlung aktiv dabei zu helfen, ein abstinentes Leben hinzubekommen, denn das Rückfallrisiko ist hoch. Martin Reker, Leiter der Abteilung Abhängigkeitserkrankungen sagt: „RADIUS hilft uns als Online-Arm unseres netzwerkorientierten Behandlungsansatzes, den Kontakt zu den Klienten zu halten.“
Stephanie Kunz, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie ergänzt: In einer Zeit, „in der die Zahl der diagnostizierten psychischen Erkrankungen zunimmt“ und es gleichzeitig vor allem in ländlichen Regionen eine aktuelle Unterversorgung mit langen Wartezeiten gebe, „können Online-Angebote einen sinnvolle Therapieergänzung sein“. Aber: Damit digitale Systeme als unterstützende Methode einen sinnvollen Mehrwert für Patienten mit sich bringen und ihn positiv unterstützen, „müssen sie individuell auf den Patienten abgestimmt sein“. Eine besondere Zielgruppe, nämlich die der Flüchtlinge, stellt Ahmad Bransi, Chefarzt in der Oberbergklinik Weserbergland in Extertal vor. Deren psychische Versorgung kann ebenfalls „online und mit dem Smartphone“ stattfinden.
Noch viel breiter ist das Angebot der Krankenkasse Barmer-GEK. Die bietet ihr Online-Training „PRO MIND“ an, um „das Wohlbefinden“ ihrer Versicherten zu verbessern, wenn sie „sich erschöpft oder lustlos, belastet, gestresst oder ausgebrannt“ fühlen und sich „häufig Sorgen machen oder viel über Probleme grübeln“. Ralph Molner, Leiter des E-Health-Programms der Krankenkasse stellt das Angebot vor, das im Jargon als „niedrigschwellig“ bezeichnet werden kann.
Ob „Radius“ oder „Pro Mind“, bei beiden Programmen können die Nutzer davon ausgehen, dass sie primär aus einer medizinischen Logik heraus entwickelt wurden, nicht aus einer kommerziellen. Dass das nicht immer der Fall ist, diskutierten Timo Thranberend von der Bertelsmann-Stiftung zusammen mit Michael Brinkmeier, Vorstand der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe, in ihrem Workshop. „Der Nutzen einer digitalen Anwendung muss sich immer am realen Leben messen lassen“, so Brinkmeier.
Wie das funktionieren kann, zeigt eine kleine Produktausstellung von ZIG-Mitgliedsfirmen. Zum Beispiel die „e-help-Technik“. Unter dieser Bezeichnung entwickelt die Herforder Firma Stiegelmeyer-Pflegemöbel digitale Assistenzsysteme, die Bewohner unterstützen und Pflegekräfte entlasten.
Die Grundlage bilden Sensoren in den Stiegelmeyer-Pflegebetten. Beim Out-of-Bed-System registrieren diese Sensoren, wenn ein sturzgefährdeter Bewohner oder Patient sein Bett verlässt und leiten mehrere Aktionen ein. Damit der Bewohner sich sofort im Raum orientieren kann, schalten sie zum Beispiel die Leselampe oder die Unterbettbeleuchtung ein. Schon dadurch wird, so der Hersteller, das Sturzrisiko deutlich gesenkt und die Mobilität der pflegebedürftigen Menschen wird durch die digitale Hilfe bewahrt.

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