Entlassmanagement: Neue Initiative für Klinikpatienten in OWL

Seit Oktober gilt beim Verlassen des Krankenhauses das neue Entlassmanagement, doch die Umsetzung ist schwierig. Akteure aus Bielefeld wollen Vorreiter werden

Im Zuge des neuen Entlassmanagements dürfen Krankenhäuser Patienten auch für bis zu sieben Tage danach krank schreiben. Idee der Richtlinie ist, den Bedarf nach der Entlassung frühzeitig vorherzusehen und notwendige Maßnahmen schon vorzubereiten, wenn die Patienten noch im Krankenhaus sind.

Die Situation ist typisch für Krankenhauspatienten: Sie werden an einem Freitag entlassen. Doch woher sollen sie die Medikamente fürs Wochenende bekommen? Der Hausarzt hat bereits geschlossen, die Klinik gibt aber nur eine Tagesration heraus. Solche Probleme soll der neue Rahmenvertrag Entlassmanagement lösen. Er gilt seit dem 1. Oktober. Weil die Umsetzung der Richtlinien schwierig ist, werden Modellprojekte gesucht. Eines davon soll in OWL entstehen.

Gedacht ist das Entlassmanagement, um eine bessere und schnellere Versorgung von Patienten unmittelbar nach dem Klinikaufenthalt sicherzustellen. Kritiker befürchten ein bürokratisches Monster. „Aber so dürfen wir nicht herangehen. Sehen wir es als große Chance“, sagt Rainer Norden, Geschäftsführer des Evangelischen Klinikums Bethel (EvKB) in Bielefeld.

Das EvKB will ein Modellprojekt an den Start bringen. Initiator ist Markus Wendler, Inhaber des Hilfsmittelerbringers PVM. Er steht für die Bereiche, die nach dem Krankenhaus an der Versorgung beteiligt sind. „Ich versuche alle Bielefelder Leistungserbringer in eine Struktur zu bringen, damit wir gemeinsam agieren“, so Wendler. Eingebunden werden sollen auch andere Kliniken, Hausärzte, Physiotherapiepraxen, Rehaeinrichtungen und andere.

Treffen in Bielefeld: CDU-Politiker Roy Kühne (l.), EvKB-Geschäftsführer Rainer Norden und Initiator Markus Wendler von PVM. FOTO: MARTIN FRÖHLICH - © Martin Fröhlich

Treffen in Bielefeld: CDU-Politiker Roy Kühne (l.), EvKB-Geschäftsführer Rainer Norden und Initiator Markus Wendler von PVM. FOTO: MARTIN FRÖHLICH – © Martin Fröhlich

“Das wäre ein großer Schritt”

Das Projekt soll drei Fragen gewidmet sein: 1. Wie kann die Digitalisierung dabei helfen, den Informationsfluss aus dem Krankenhaus zu den anderen Beteiligten zu verbessern? 2. Welche Patientengruppen brauchen am meisten Unterstützung? 3. Aus welcher Fachgruppe sollte ein sogenannter Kümmerer kommen, der die Patienten unmittelbar nach der Entlassung betreut?

„Wenn wir dazu Erkenntnisse gewinnen, wäre das ein großer Schritt“, sagt Christoph Karlheim von der Stabsstelle Innovation und Forschung am EvKB. Der Anstoß zu einem Projekt stammt von Roy Kühne, Bundestagsabgeordneter der CDU aus Northeim und selbst Inhaber einer Reha-Einrichtung. „Wir planen zu Hause jeden Urlaub durch, aber die Versorgung nach der Klinik überlassen wir in Teilen dem Zufall? Das kann nicht so bleiben“, so der Gesundheitsexperte.

Die Macher des Projektes hoffen auf Mittel aus dem Innovationsfonds, mit dem die Forschung an neuen Versorgungsformen unterstützt wird. „Den Antrag werden wir in den nächsten Wochen ausarbeiten“, sagt Markus Wendler. Er kritisiert die Ausschreibungspraxis der Krankenkassen: „Da braucht eine Patientin binnen Stunden ein Sauerstoffgerät und nur ich kann es dem Altenheim so schnell liefern. Aber die Kasse zahlt nicht, weil sie mit mir keinen Vertrag hat.“

“Ohne monetäre Anreize ist eine Verbesserung schwer”

Alle Beteiligten waren sich einig im Ruf nach besserem Entlassmanagement, doch wurden auch Probleme deutlich. Die Bezahlung von Gesundheitsleistungen ist in Sektoren gegliedert. Ein Zusammengehen von Akteuren verschiedener Sektoren wirft die Frage auf, wer was bezahlt bekommt. So könnte das Entlassmanagement stärker beim Sozialdienst der Krankenhäuser angedockt werden, doch dafür bräuchte der mehr Personal. „Ohne monetäre Anreize ist eine Verbesserung nur schwer zu erreichen“, befand Roy Kühne.

Auch Fristen erzeugen Probleme: „Laut Richtlinie muss die verordnete Physiotherapie binnen sieben Tagen beginnen, doch viele Praxen haben so schnell gar keinen Termin“, monierte Physiotherapeut Heinrich Rügge aus Lemgo. Zudem fehle es wegen schlechter Bezahlung an Nachwuchs im Beruf. Kühne forderte einfachere Informationsstrukturen. „Warum kann der Klinikarzt nicht direkt mit Physio oder Hilfsmittelerbringer sprechen?“.

Zumindest in einem Punkt lässt sich die Richtlinie direkt umsetzen: Krankenhausärzte dürfen Patienten nun so viele Medikamente mitgeben, wie diese für sieben Tage benötigen. Auch wenn Freitag ist.

Quelle: Neue Westfälische, 22.10.2017 (Text und Biild: Martin Fröhlich)